Markus Keller leitet das Smart City-Programm der Deutschen Telekom. Er ist verantwortlich für Entwicklung und Vertrieb eines integrierten, innovativen Produkt- und Leistungsportfolios für die Digitalisierung von Städten und Regionen. Zuvor hatte er verschiedene Positionen im Unternehmen unter anderem als Senior Vice President Corporate Innovation. Herzlich Willkommen als Vordenker der #21digital in Köln. 

Herr Keller, Sie sind Senior Vice President Smart Cities bei der Telekom. Für welche Themen sind Sie verantwortlich?

Ich bin  für das Konzern-Innovationsfeld Smart Cities und den gleichnamigen Geschäftsbereich verantwortlich. Wir bedienen den stark wachsenden Digitalisierungsmarkt und entwickeln mit Partnern Technologie. Wir betreiben das Geschäft in Deutschland und international. Insgesamt gibt es vier Themen, auf die wir uns spezialisieren: effiziente Infrastruktur, intelligente Mobilität, saubere Umwelt und digitale Bürgerdienste.

 „Disrupt and Sustain – Strategies and Technologies in Times of Digital Darwinism“ lautet das Thema unserer nächsten #21digital. Welche Technologien setzen Sie ein, und welchen Impact haben Sie auf Ihr Geschäftsmodell? 

Die Disruption, die Sie ansprechen, ist Realität. In Asien sehen wir das in atemberaubender Konsequenz: Tokio, Singapur, Seoul, Shanghai. Im europäischen Raum haben Skandinavien, Moskau, London, Wien und Barcelona viel bewegt. Auch deutsche Städte treten aufs Gas: Monheim am Rhein wird noch im ersten Quartal als erste Stadt eine auf Blockchain basierte Plattform einführen, über die Bürger kostenfrei den ÖPNV, autonom fahrende Busse und andere Services mobil übers Smartphone nutzen können. 
Die Telekom ist führend beim digitalen Parken. Da besteht gerade für Deutschland noch ein riesiges Potenzial. Der Marktanteil von digitalem Parken vs. Münzeinwurf in den Automaten liegt unter 5%. Digital Parken ist so viel einfacher und auf dem Handy können Sie mit einem Fingerwisch die Zeit anpassen und es wird minutengenau abgerechnet. Das spart durchschnittlich 90 Euro zu viel bezahlte Parkgebühren jedes Jahr. 30-40% des innerstädtischen Verkehrs sind Parkplatzsuchen. „Park & Joy“ von der Telekom nutzt maschinelles Lernen und führt Sie direkt an einen freien Parkplatz. Der Nutzen ist offensichtlich: bessere Luft, weniger Stau, kein Stress.

Wie sähe denn eine optimale Smart City für Sie aus?

Ich wünsche mir von einer smarten Umgebung, dass meine Zeit nicht verschwendet wird und die negativen Effekte einer Stadt durch Smartness optimiert werden. Das Optimum wird immer neu definiert, weil die Anforderungen der Bürger wachsen werden.
Die Digitalisierung – nicht allein die technische Vernetzung – des öffentlichen Raums wird die größte und umfassende Transformation sein, welche eine neue Epoche einläutet. Uns geht es nicht darum, einfach nur die Städte mit jeder Art von Sensorik vollzuhängen. Unsere Vorstellung von einer lebenswerten Umgebung ist auf den Menschen zentriert, einfach und nachhaltig. 
Wir glauben, dass die Zukunft nicht ein Technik-Dschungel ist, sondern vielmehr eine natürliche Umgebung, in der die Technik im Verborgenen „unsichtbar“ funktionieren muss. Effizienzgewinn ist nur ein Kriterium. Human-zentrierte Innovation ist unser Schlüssel und Differenzierer: Wir starten mit Design Thinking und Co-Creation für Kommunen. Dazu haben wir einen eigenen Baukasten mit Städten entwickelt. Technologie ist eine Ableitung.

Sie sprachen gerade schon von Design Thinking und Co-Creation. Gibt es noch weitere Ansätze, wie Sie Innovation in Ihrem Unternehmen gewährleisten?

Unsere Methode ist Co-Creation. Wir arbeiten auf Augenhöhe, nutzen agile Formate und erarbeiten gemeinsam Strategien und Umsetzungspläne. Natürlich haben wir als Telekom die Power alles allein hinzustellen und in Sachen Technologie spielen wir ganz oben mit. Aber der Ansatz „wir lernen mit“ ist inklusiv und authentisch und spricht Kunden an. Wir brauchen im öffentlichen Raum von allen Beteiligten viel Engagement, damit es am Ende funktioniert und zu hoher Zufriedenheit bei allen Parteien führt. 

Welche Faktoren, Eigenschaften und/oder Fähigkeiten sichern Ihrer Meinung nach einem Unternehmen dauerhaften Erfolg?

Ich denke, die Erfolgsformel ist eine Kombination aus dem Glauben und Konzentrieren auf die eigenen Stärken und gleichzeitig eine unvoreingenommene Neugier und das Reinfuchsen in neue Themen. Diesen Spagat muss eine Firma immer wieder aushalten und angehen. Der Erfolg von gestern kann den Ruin von morgen bedeuten. Ganz praktisch forcieren wir diverse Teams, in denen erfahrene Experten Kerngeschäft und -technologien beherrschen und Kreative von außen den Status Quo immer wieder in Frage stellen. 
Nicht jeder neue Schuss ist gleich ein Treffer, aber in jedem Fall ist das die gesündere Mischung. Firmen, die disruptiert wurden, haben diesen Spagat nicht ausgehalten und sich auf das Tradierte fokussiert. Nicht weniger gefährlich ist das andere Extrem: Wenn die Partei des Neuen im Unternehmen Übermacht gewinnt, das Kerngeschäft vernachlässigt und dabei zu viele Ressourcen auf Themen gelenkt werden, die riskant und unbewiesen sind. 

Was denken Sie: Sind es heute und in Zukunft immer Technologien, die zu Disruption führen können?

Überhaupt nicht. Es ist die Anwendung und nicht die Technologie. Wir Deutschen haben einige Technologien erfunden, aber die kommerzielle Anwendung nicht erkannt und konsequent gehebelt. Bei vielen großen Silicon Valley Namen war es ja nicht die frühe Technologie-Führerschaft, sondern die kundenzentrierte Optimierung und Skalierung. Die kommerzielle Anwendung und Perfektion ist die Innovation. 

Herr Keller, ich danke Ihnen für das Gespräch!